Ansprache zur Übergabe des Glasbildes „Zwischen Himmel und Erde“
für den „Raum der Stille“ im Hospiz der Pfeifferschen Stiftungen zu Magdeburg am 11.11.2003
Das Glasfenster vor uns, für den „Raum der Stille“ in den Pfeifferschen Stiftungen zu Magdeburg, habe ich auf Initiative und Wunsch des Stifters – des ehrenamtlichen Hospizkreises Magdeburg – geschaffen. „Zwischen Himmel und Erde“ habe ich dieses Auftragswerk benannt. Doch schon, als ich erste Gedanken dafür skizzierte, wusste ich: Das wird a u c h eine Gestaltung aus ganz i n n e r e m Auftrag! Wieso?
Ich war und bin seit Ende der Kindheit traumatisiert durch grauenhaftes Erleben von Infanteriegefechten und einer blutigen Panzerschlacht, in die ich als 13-Jähriger geriet – zwanzig Tage vor Ende des 2. Weltkrieges, zwischen Görlitz und Niesky an der Oder-Neiße-Ostfront, Vater und Bruder im Krieg schon verloren habend.
Dann, Monate später, wurde mir durch die Konfirmandenstunden ein Wort bekannt, das Wort „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen!“ Ein Wort, das, seitdem ich’s hörte, immer irgendwie in mir wirkte, mich in guten und schlimmen Stunden fast selbstverständlich begleitet. Das ich auch nicht abschütteln will, weil es mich niemals belastet hat, eher froh macht, dass es dieses Wort gibt.
Jung wie ich war, stand mir der Sinn ohnehin sehr nach Lebensfreude und Frohsein. Also blies ich mit Lust im evangelischen Posaunenchor: Flügelhorn, Tenorhorn und Tuba. Ich ging tanzen so oft es nur ging und lief den Mädchen nach und die liefen mir nach – nicht ohne Erfolg.
Und zum ewig hungrigen Handwerkerlehrling – 1947 bis 1950 lernte ich mein Handwerk als Bau- und Kunstglaser – gehörte auch, dass ich samstags ab Mittag und sonntags per Fahrrad in umliegende Dörfer fuhr, um bis in die Dunkelheit hinein kriegszerstörte Kirchenfenster zu reparieren, auch Kompliziertes zu restaurieren. Die Arbeit forderte mich ganz, machte auch Freude.
Doch den richtigen Lustgewinn gab es erst zu den Mahlzeiten, bei Pastors Frau oder Pastors Köchin, wo ich mich immer nach Herzenslust satt essen konnte, oft noch einen Rucksack voller Kartoffeln oder ein Stück Speck mit auf den Heimweg bekam.
Rückblickend sage ich: Das satt essen Können war in den evangelischen Pfarrhäusern auch allemal sicher. Die wendischen katholischen Dörfer rings um meine alte Heimatstadt Bautzen erwiesen sich aber als besonders nahrhaft: Dort hatten die Pfarrer ja keine Kinder - jedenfalls sah man sie nicht.
Es gab auch kriegszerstörte Dorfkirchenfenster, von denen kaum Fetzen übrig waren, auch keine Fotos, wie sie einst aussahen. Also musste ich mir etwas einfallen lassen und einen Entwurf zu Papier bringen, dann auch ausführen. So wurde ich ein sehr selbstständiger Geselle, Jahre später auch Meister.
Und ich studierte noch: Erst in der Magdeburger Fachschule für angewandte Kunst, dann bis zum Diplom an der Kunsthochschule Berlin. Fürs Studieren bekommt man Papierchen – in Deutschland sehr, sehr wichtig! Wichtigster Lehrmeister blieb mir aber bis heute die Ganzheit erlebten Lebens, Erlebtes und Gedachtes, Visionen, Kompositionen und die praktische T a t : die Realisierung.
Diese Glasgestaltung für den „Raum der Stille“ ist eine solche realisierte Komposition. Die Komponenten sind Glas, Farbe und Licht.
Vielleicht haben Sie’s längst bemerkt: Viele Künstler erheben heute für ihr Werk den Anspruch, dass es gar nicht schön sein sollte. Es sollte auch ja kein humanistisches Gedankengut widerspiegeln.
Ich aber sage Ihnen ausdrücklich: Für diesen Raum – so klein er ist – wollte ich etwas schaffen, was nachvollziehbar sinnhaltig ist u n d die Sinne e r f r e u t.
Was sehen wir?
Wir sehen: Zwischen dem schweren Bogen der Erde, die uns trägt – oft kaum er-trägt! – und dem Bund des Himmels mit uns – sein Zeichen ist der Regenbogen – strahlt großes Licht: Die Gnadensonne – oder wie immer unser Lebenselixier benannt wird, besonders ausdrucksreich ja im Evangelium des Johannes.
Und dazwischen spannt sich d a s L e b e n: sehr lebendig – auch sehr deutbar …
In der künstlerischen Gestalt fast wie ein Baum.
Ist’s ein brennend versprühender Lebensbaum? Ist’s ein Stück Flechte? Oder ein Stück Moos – mit den Augen des Künstlers gesehen?
Oder: Ist’s wie ein brennender Dornbusch?
Ja! Am meisten wünschte ich, dass ein Dornbusch dem Betrachter des Fensters vor Augen tritt! Ein Dornbusch, so, wie der biblische Moses ihn vor sich hatte, als er die Stimme Gottes hörte, die ihm befahl, das Volk Israels aus ägyptischer Gefangenschaft in die Freiheit zu führen.
Wir wissen aus dem Buch der Bücher: W a s ihm da durch die Stimme des Herrn befohlen wurde, ‚schmeckte’ dem Moses gar nicht. Er fühlte sich schlicht überfordert. Nur zögernd nahm er den Auftrag an – doch: Er erfüllte ihn!
Und weiterhin wissen wir: Der Dornbusch, aus dem die Stimme des Herrn zu Moses sprach, der b r a n n t e, aber er v e r b r a n n t e nicht!
Sie werden meinen: Dies alles gibt ja ein ganz schönes Bild. Aber - Frage: Kann es auch uns Heutigen noch etwas sagen?
Ich sage: JA!
Zum Beispiel: Auch w i r sollen für etwas Gutes b r e n n e n, aber nicht v e r brennen! Man kann auch sagen: Wir sollten ein Fundament haben, ohne Fundamentalist zu sein. Wir sollen etwas mit Eifer tun, ohne Eiferer zu werden! Das richtige Maß haben, ist wichtig.
Aber noch eine Frage: Gibt’s denn das noch – spricht denn heute noch die Stimme des Herrn zu uns?
JA! – sage ich dazu.
Du und ich und jeder von uns kann auch selbst und heute noch die Stimme Gottes hören, wenn er bereit ist zu hören, was sein G e w i s s e n ihm sagt – und danach zu handeln, gerade dann, wenn es schwer fällt.
Und: Wie schwer fällt das oft! Und gelingt uns wahrlich nicht immer!
Viele von Ihnen hier – ob als hauptamtliche Kräfte der Pfeifferschen Stiftungen oder als Ehrenamtliche des Hospizkreises Magdeburg, verstehen das, was ich meine, durch die Selbsterfahrungen in ihrer Arbeit gewiss b e s o n d e r s deutlich. Ich meine: Das ist ein Zuwachs an Stärke aus Ihrer schweren Arbeit, der sie auch froh machen kann.
Herzlich danke ich Ihnen für den empfundenen freundlichen Geist in diesem Hause! Dank auch meinen Auftraggebern für ihr Vertrauen in meine Gaben, in meine Arbeit!
Allen, die hier im Hospiz segensreich wirken, wünsche ich Kraft, den nötigen Erfolg und ein frohes Herz!
Mag auch die B o t s c h a f t des Glasfensters viele erreichen, viele erbauen und recht viele e r f r e u e n.
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