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Gedenken an Pogromnacht - Rede von Finanzminister Karl-Heinz Paqué

Mit Kranzniederlegungen, Gebeten und Konzerten haben in Sachsen-Anhalt viele Menschen am 9.11.2005 der jüdischen Opfer der Reichspogromnacht vor 67 Jahren gedacht.

In Magdeburg legten Vertreter der Stadt am Mahnmal der alten Synagoge einen Kranz nieder. Auf dem Israelitischen Friedhof der Landeshauptstadt sagte Finanzminister Karl-Heinz Paqué (FDP), Gedenktage wie der 9. November sollten auch Anlass zu kritischer Prüfung sein, wie tolerant die Gesellschaft gegenüber Andersdenkenden und ausländischen Mitbürgern sei und wie sie der Gewalt im Alltag begegnen.

 

Rede von Finanzminister Karl-Heinz Paqué

Der 9. November ist für die deutsche Geschichte kein Tag wie jeder andere.

Am 9. November 1938 verschärften die Nationalsozialisten mit der sogenannten Reichskristallnacht den Terror gegenüber den Juden in Deutschland. Die zersplitternden Scheiben jüdischer Geschäfte, die Übergriffe auf jüdische Menschen waren schreckliche Vorboten des noch Schrecklicheren, das folgen sollte.

 

Zwanzig Jahre zuvor, am 9. November 1918, war Deutschland nach den furchtbaren Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und der Abdankung des Kaisers Republik geworden. Es war keine glückliche Stunde für die Gründung dieser Weimarer Republik, doch die Menschen hofften auf ein Ende der Kriege, auf ein demokratisches Miteinander in Deutschland.

 

Im Jahre 1938 war davon nichts geblieben. Deutschland steuerte geradewegs auf den nächsten, noch furchtbareren Krieg zu. Die junge Demokratie war längst wieder verloren. Die Gegner des nationalsozialistischen Systems waren in den ersten Konzentrationslagern interniert oder bereits ermordet. Mit einer aberwitzigen Rassentheorie wurde über den Wert menschlichen Lebens befunden.

 

Wir fragen uns heute, wie konnte es dazu kommen? Wir fragen uns, wie konnte geschehen, dass Menschen zusahen, wenn Bekannten, Nachbarn oder Geschäftspartnern ein so schweres Unrecht widerfuhr wie durch das Pogrom in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938.

Die Ereignisse dieser Nacht waren von den Nationalsozialisten minutiös geplant, die SA führte den furchtbaren Plan aus. Die sogenannte „Reichskristallnacht" war ein Ergebnis staatlich organisierten und umgesetzten Terrors. Sie war nicht, wie die Nationalsozialisten glauben machen wollten, eine spontane Erhebung und Wille des deutschen Volkes.

Doch das Pogrom wurde möglich, weil die Deutschen zu einem willenlosen Volk geworden waren. Der Untertanengeist triumphierte über eigenverantwortliches Handeln, das Wegschauen über tätige Hilfe und die Anpassung über eigenes Denken. Nach dieser Nacht konnte kein Deutscher mehr sagen, er wisse nicht, was mit den Juden in seinem Land geschehe. Für jeden war klar erkennbar, was hier an Unrecht und Gewalt anderen Menschen angetan wurde.

 

Heute erinnern wir an diese Geschehnisse. Ich weiß, dass es immer wieder Diskussionen darüber gibt, ob im Zusammenhang mit den Ereignissen vom 9. November 1938 nun von der sogenannten „Reichskristallnacht" oder besser von der Reichspogromnacht gesprochen wird. Viel wichtiger sind andere Dinge:

Unser Erinnern muss das Leid, das Menschen damals angetan wurde, in unserer Vorstellung lebendig werden lassen. Nur wenn wir angesichts des Geschehenen fähig sind, Entsetzen und Mitleid zu empfinden, sind wir auch in der Lage, die ganze Tragweite des Verbrechens zu erkennen.

Wir müssen uns fragen, wie wird es möglich, dass Menschen anderen Menschen solches Leid antun? Welche Mechanismen bewirken, dass Menschen diese Verbrechen begehen?

 

Und wir müssen uns fragen, was können wir heute tun, damit Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein für allemal der Vergangenheit angehören.

Antworten auf diese Fragen gibt es sicherlich viele. So müssen wir beispielsweise weitererzählen, was wir über das Leben und Sterben der Opfer erfahren haben. Wir müssen weitererzählen von Angesicht zu Angesicht, Väter und Mütter ihren Kindern und Enkelkindern, denn es geht um mehr als die Vermittlung deutscher Geschichte. Wir müssen von Generation zu Generation weitergeben, was wir erfahren haben, nur so wächst Weisheit aus der Erfahrung, wird aus Wissen Gewissen gebildet.

 

Wir müssen die Opfer aus ihrer Anonymität holen. Menschliches Leid lässt sich nicht über die bloße Zahl getöteter Männer, Frauen und Kinder erfassen. Wir müssen berichten über persönliche Schicksale wie das der Anne Frank, die in ihren Tagebüchern jungen Menschen ganz nahe kommt. Hinter den Zahlenkolonnen in den Geschichtsbüchern, hinter den Namen auf den Grabsteinen stehen Schicksale, stehen Menschen mit ihrem Lebensweg, ihrer Liebe, ihrer Hoffnung und ihrem Leid. Dies müssen wir bei unserem Erinnern an Tagen wie dem heutigen bedenken.

Wir haben aber nicht nur von den Opfern zu reden. Wir müssen auch nach den Tätern fragen. Die Verantwortlichen für den Holocaust waren Deutsche. Aus dieser Verantwortung können wir nicht entlassen werden, auch wenn die Deutschen von heute nicht die Täter von gestern sind. Wir müssen uns fragen, wie kommt es, dass jemand solche Verbrechen begeht, diese Schuld auf sich lädt. Wer ist überhaupt Täter?

 

Nur der, der in den Konzentrationslagern an der Ermordung unschuldiger Menschen beteiligt war oder der, der andere denunziert und in die Lager gebracht hat oder vielleicht auch derjenige, der einfach nur zugeschaut und geschwiegen hat, als Nachbarn und Kollegen abtransportiert wurden?

Es gibt aber auch Menschen, die geholfen haben und damit ihr Leben aufs Spiel setzten. Menschen, die jüdische Mitbürger versteckt und ihre knappen Rationen mit ihnen geteilt haben. Dazu waren leider zu wenige bereit.

Unser Erinnern am heutigen Tag ist Gedenken und Ehrung der Opfer nationalsozialistischer Gewalt. Doch dies allein wäre zu wenig.

 

Das Deutschland des Jahres 2005 ist nicht das des Jahres 1938. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind zu einer Grundfeste geworden in Deutschland.

Da ist auch der 9. November 1989, der Tag an dem die Mauer fiel, die Deutschland trennte. Für die Deutschen ein Freudentag. Doch wir wissen, dass bei vielen Menschen auf dieser Welt, ob dieses Ereignisses auch Befürchtungen geweckt wurden. Würden durch den Mauerfall die Geschehnisse des 9. November 1938 verdrängt werden, neue deutsche Überheblichkeit und neuer deutscher Größenwahn wachsen?

Ich denke, die Deutschen haben bislang bewiesen, dass kein Grund für derartige Befürchtungen ist. Doch wäre es fatal, sich in Sicherheit zu wiegen und Demokratie und Freiheit als Gottesgeschenk zu betrachten. Tage des Gedenkens, so wie der heutige, sollten uns daher auch Anlass zu kritischer Prüfung sein. Wie halten wir es mit der Toleranz Andersdenkenden gegenüber? Wie begegnen wir ausländischen Mitbürgern? Wie steht es um die Solidarität mit den Schwachen, den Alten, den Arbeitslosen in unserer Gesellschaft? Wie begegnen wir der Gewalt im Alltag?

 

Demokratie und Freiheit müssen täglich neu errungen werden. Nur wenn wir auch weiter bereit sind, Menschen, die verfolgt werden, bei uns Aufenthalt zu gewähren, wenn wir vor der Not in der Welt unsere Augen nicht verschließen, wenn wir entschieden gegen jede Form von Fremdenhass vorgehen, zeigen wir, dass wir aus der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts gelernt haben.

Ich weiß, es kann kein Zurück in die Zeit vor 1933 geben. Geschehenes lässt sich nicht ungeschehen machen. Gerade aus diesem Grund sollten wir den Weg der Verständigung und Aussöhnung weiter gemeinsam beschreiten. Auch dazu verpflichtet uns der 9. November.